• Künstler:in Arno Breker
  • Titel Frauenfigur
  • Jahr 1951
  • Kategorie Skulptur
  • Material Kalkstein
  • Objektmaße (ohne Sockel) 280 x 125 x 85 cm
  • Sockelmaße H 10 cm, Durchm. 85 cm
  • Standort aktuell / Jahr Otto-Beck-Straße, 68165 Mannheim

Arno Breker (1900–1991)

Arno Breker kam 1900 als Sohn eines Steinmetz-Meisters in Elberfeld zur Welt. In Frankreich künstlerisch geprägt, stieg er ab 1936 zu einem der gefragtesten Künstler des NS-Staates auf. Brekers Ausdrucksform als „gestaltete Gesinnung, formgewordene Weltanschauung“ galt als richtungsweisend für den neuen deutschen Stil. Er wurde zum „bedeutendsten deutschen Bildhauer der Gegenwart“ und gar zum „Vorkämpfer der nationalsozialistischen Revolution“ stilisiert. Der aus Mannheim stammende Albert Speer (1905–1981) war sein Förderer und enger Freund. Hitler selbst veranlasste 1944 die Aufnahme von Brekers Namen in die „Gottbegnadeten-Liste“ von Künstlern, die unter besonderem Schutz standen.
Trotz seines massiven künstlerischen Engagements für den Unrechtsstaat, seiner zentralen Stellung in der NS-Kulturpolitik und trotz des Einsatzes von Zwangsarbeitern in seinen Steinbildhauerwerkstätten wurde er nach Kriegsende als „Mitläufer“ eingestuft, da er sich nachweislich für verfolgte Künstler eingesetzt hatte.
Nach 1945 blieb Breker hoch umstritten. Er ließ sich 1950 in Düsseldorf nieder und bekam fast keine öffentlichen Aufträge mehr, wohl aber zahlreiche private. Er portraitierte Industrielle, Politiker, Künstler und Kunstsammler, z. B. Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Salvador Dali und Ernst Jünger.

Breker betätigte sich zeitlebens auch als Architekt. Dabei galt der bildhauerischen Ausgestaltung der Gebäude sein Augenmerk. So wirkte er bei der Gestaltung der Gerling-Konzernzentrale in Köln mit und entwarf Büro- und Wohngebäude für Gerling in anderen Städten. Irene Gerling, die Ehefrau des Konzernchefs, prägte mit ihren Ideen und ihrer Auswahl von Kunstobjekten maßgeblich deren Ausstattung. Arno Breker starb 1991 in Düsseldorf.

Zur Arbeit

Die von Arno Breker 1951 geschaffene, überlebensgroße weibliche Figur besteht aus Muschelkalk. Der Sockel trägt die Signatur des Bildhauers.
Die schlanke, stilisierte Frauengestalt, in ein weites Gewand gehüllt, steht in tänzerischer Pose. Ihr ausgestreckter linker Arm entfaltet das Gewand wie ein Segel und weist auf die Architektur des Gerling-Verwaltungsgebäudes. Das linke Bein steht leicht angewinkelt auf einer Erhöhung. Der Kopf ist nach rechts gerichtet, das nur schemenhaft erkennbare Gesicht blickt verklärt zum Himmel.
Die ganze Gestalt erscheint weltabgewandt und signalisiert Stolz und Pathos.
Verschiedene Interpretationsmuster liegen nahe. Die eher nüchterne Architektur des Verwaltungsgebäudes wird durch die Tanzfigur künstlerisch aufgewertet und erhöht. Vor dem Hintergrund des Bildhauers und der Entstehungszeit wird ein anderes Bestreben sichtbar: Der trotzige Blick nach vorne und nach oben, die Abwendung von dort, woher man kam, das Ausblenden der Vergangenheit und das Vergessen einer unrühmlichen und beschämenden Vergangenheit. So steht die Gewandfigur für Haltungen, die für die Wiederaufbauzeit und für die junge Bundesrepublik bezeichnend waren. Sie ist ein Denkmal für einen Zeitabschnitt in der deutschen Erinnerungskultur, dem viele weitere – und dem widersprechende – folgten.

In einem von dem Journalisten und Filmautor Michael Bauer 1979 geführten kritischen Interview äußert sich Breker zur Mannheimer Figur. Die vorausgegangenen Fragen zielten darauf ab, ob er sich in der Nazizeit nicht zu sehr den Intentionen seiner Auftraggeber angepasst habe und wie er zum abstrakten und zum gegenständlichen Stil stehe:
Breker: Ich habe nach dem Ersten Weltkrieg abstrakte Sachen gemacht im Sog der Erschütterung des verlorenen Krieges, als das Menschenbild nichts mehr zu sagen hatte. An der Akademie in Düsseldorf, wo ich studierte, hat man mich für einen Mann des linken Flügels gehalten. Leider ist das alles verlorengegangen. Sie würden staunen, was für phantastische abstrakte Sachen ich gemacht habe damals."
Bauer: „Das glaube ich Ihnen aufs Wort, dass Sie im Sog der Ereignisse gut funktionierten. Sie haben ja auch nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Abstraktes gemacht.“
Breker: „Nein, nach dem zweiten Krieg nicht mehr.“
Bauer: „Aber natürlich. Da gibt es diese „Gewandfigur“, die Sie für Manheim machten, oder die Mädchenfiguren aus den fünfziger-Jahren, das sind ja sehr stilisierte Sachen.“
Breker: „In Mannheim musste ich mich den baulichen Gegebenheiten anpassen. Das war ein Haus mit einer vollkommen glatten Fassade.“
Bauer: „Das sage ich ja: Sie haben sich immer an die Gegebenheiten gehalten“.
Breker: „Das ist doch klar. Ich bin ja ein Augenmensch.“

Das ehemalige Verwaltungsgebäude von Gerling in Mannheim und die davor aufgestellte Gewandfigur stehen unter Denkmalschutz. Sie gehören heute einer Eigentümergemeinschaft.
Die Plastik ist z. Z. (2026) von Schmutz und Beschmierungen verunstaltet. Eine Reinigung und eventuell eine Informationstafel, die auf die Entstehungsgeschichte und den umstrittenen Künstler hinweist, wäre wünschenwert. (VK)