• Künstler:in Karl Hilgers, Roderich Jerusalem von Safft
  • Titel Kentauren
  • Jahr 1907
  • Kategorie Plastik
  • Material Gips, heute Muschelkalk
  • Standort aktuell / Jahr Friedrichsplatz, 68165 Manheim

Künstler

Die Figurengruppen gehen auf zwei Künstler zurück.

Der Bildhauer Karl Hilgers (1844 Düsseldorf – 1925 Berlin) führte die Originalplastiken von 1907 in Gips aus. Hilgers schuf in Berlin und anderen Städten zahlreiche Werke. Erhalten sind u. a. die Figur des Rudolf von Habsburg am Hamburger Rathaus und das Kriegerdenkmal im Hofgarten Düsseldorf.

Weitere Informationen zu Hilgers hier.

Roderich Jerusalem von Safft (1896–1967)

Der Kunstmaler und Bildhauer Roderich Jerusalem von Safft ersetzte 1935 die verwitterten Gipsmodelle durch leicht abgewandelte Figuren aus Muschelkalk. Er schuf u.a. 1937 das Kolonialehrenmal (Verwundete Antilope, Aufschrift auf Sockel „Dennoch Deutsche Kolonien“), das in der NS-Zeit auf dem Philosophenplatz (damals Horst-Wessel-Platz) in der Oststadt stand.

Bevor er 1934 nach Mannheim zieht, lebt der in Lichterfelde bei Berlin geborene Maler und Bildhauer in Staufen im Breisgau. Dort übernimmt er 1930 die Funktion des Ortsgruppenführers der NSDAP. Ein Schriftwechsel von 1916 mit dem Kunstverein Mannheim belegt den frühesten Kontakt des Künstlers zur Quadratestadt: Über den Kunstverein verkauft er mehrere Bilder an hiesige Kunstsammler. Doch gewinnt seine Karriere erst nach der nationalsozialistischen Machtergreifung an Bedeutung. Offenbar zu Aufwertung seiner Person ergänzt er seinen Geburtsnamen Roderich Jerusalem um den Zusatz „von Safft“, was vermutlich auch damit zusammenhängt, dass der Name „Jerusalem“ 1933 zu Spekulationen über eine jüdische Herkunft führt.

1934 erhält er gemeinsam mit Eugen Gresser den Auftrag zur Neugestaltung der Kentauren am Friedrichsplatz. Im selben Jahr widmet ihm die Kunsthalle Mannheim eine Ausstellung mit Gemälden, Zeichnungen und Fotografien bildhauerischer Arbeiten. Zudem erwirbt die Stadt sein Gemälde „Blut und Boden. Der Erhalter des Volkes“, das trotz seiner nationalsozialistischen Prägung bis 1955 im Trausaal des Standesamts in F 1 hängt (heute im Depot der Kunsthalle).

Um 1940 ist Roderich Jerusalem von Safft Mitbegründer der „Werkgemeinschaft Bildender Künstler Mannheim“ und wird zu ihrem stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Sein bildhauerisches Werk umfasst neben dem nicht mehr erhaltenen Kolonialdenkmal vor allem Gefallenendenkmäler in Städten des Breisgaus und des Markgräflerlandes. Ein geplantes Kriegerdenkmal in Seckenheim wird infolge des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs nicht mehr ausgeführt.

Karl Hilgers, Roderich Jerusalem von Safft, Kentauren
Foto: Gipsmodell des weiblichen Kentaur mit Krieger kurz vor dem Abriss 1935, MARCHIVUM
Karl Hilgers, Roderich Jerusalem von Safft, Kentauren
Foto: Gipsmodell des männlichen Kentaur mit Nymphe kurz vor dem Abriss 1935, MARCHIVUM

Zur Arbeit

Der Friedrichsplatz besitzt ein großes Wasserbassin mit Fontäne, Blumenbeeten und Grünflächen, Laubengängen, Steinbänken, Kandelaber und bildhauerischem Schmuck. Darunter sind zwei Kentaurengruppen. Kentauren sind Wesen der griechischen Mythologie, die halb Mensch und halb Pferd sind. Ihr Oberkörper ist menschlich, während der Unterkörper einem Pferd entspricht.
Für diese fertigt Karl Hilgers Gipsmodelle, die 1907 aufgestellt werden. Der Auftrag für eine endgültige Ausführung aus dauerhaftem Material wird Hilgers zugesichert, bleibt aber aus. Daran können auch zwei um 1910 verfasste Bittschreiben aus der Familie des Bildhauers an den Direktor der Kunsthalle Fritz Wichert nichts ändern. Wichert wird darin gebeten, sich bei den Kunstmäzenen Heinrich Lanz und Karl Reiß für die Unterstützung einer dauerhaften Ausführung der Kentaurengruppen zu verwenden.

Erst 1935, nach Hilgers Tod, werden die stark verwitterten provisorischen Skulpturen durch nachempfundene Kopien aus Muschelkalk ersetzt. Der Auftrag geht an Roderich Jerusalem von Safft. Bei dieser Gelegenheit werden die Gruppen gedreht und schauen von nun an vom Wasserturm weg nach Osten.

Karl Hilgers, Roderich Jerusalem von Safft, Kentauren
Foto: 1910-1938, MARCHIVUM
Karl Hilgers, Roderich Jerusalem von Safft, Kentauren
Foto: St. Rothenstein

Die Kentauren sind als männliche Figur auf der Seite zum Kongresszentrum (Südseite) und als weibliche Skulptur auf der Seite zum Parkhotel (Nordseite) ausgeführt. Auf dem Rücken tragen sie jeweils ein menschliches Wesen des anderen Geschlechts. An der Südseite des Beckens trägt ein kräftiger, wilder, männlicher Kentaur mit erhobenem Haupt und langem Bart eine kleinere, nackte junge Frau auf dem Rücken. Sie sucht an Schulter und Pferdeleib des Kentauren Halt, er hält sie an Bein und Rücken fest. Der Kentaur strebt voran, den Kopf nach vorne gerichtet. Während an der ursprünglichen Figurengruppe von 1907 eine Nymphe mit Fischbeinen und Flossen vom Kentaur entführt wird, hat die junge Frau der heutigen Figurengruppe einen menschlichen Unterleib.

Das Gegenstück des Kentauren an der Nordseite ist weiblichen Geschlechts. Ein kräftiger Pferdeleib geht in den nackten Oberkörper einer Frau über. Sie wendet ihr Haupt einem grimmig dreinblickenden, nackten Reiter auf ihrem Rücken zu, der ein Schwert trägt. Mit vorwärtsstrebender, kämpferischer Körperhaltung und mit der Waffe in der Hand erscheint die männliche Gestalt als der aktive Teil dieser Figurengruppe, obwohl er kleiner ist. Der weibliche Kentaur steht offenbar unter der Regie seines Reiters.

ln beiden Fällen ist der männliche Teil der Gruppe der herrschende, sei er nun menschlich oder ein Mischwesen. Dies entspricht dem Rollenbild der Zeit und wird 1935 mit der Verwandlung der Meeresnymphe in ein Mädchen eher noch verstärkt. (VK)