• Künstler:in Roderich Jerusalem von Safft
  • Titel Kolonialdenkmal
  • Jahr 1937
  • Kategorie Nicht mehr am Standort
  • Material Muschelkalkstein, Bronze
  • Objektmaße (ohne Sockel) 250–300 cm
  • Sockelmaße 160 cm hoch
  • Standort alt / Jahr Philosophenplatz, 68165 Mannheim, 1937

Roderich Jerusalem von Safft (1896–1967)

Bevor er 1934 nach Mannheim zieht, lebt der in Lichterfelde bei Berlin geborene Maler und Bildhauer in Staufen im Breisgau. Dort übernimmt er 1930 die Funktion des Ortsgruppenführers der NSDAP. Ein Schriftwechsel von 1916 mit dem Kunstverein Mannheim belegt den frühesten Kontakt des Künstlers zur Quadratestadt: Über den Kunstverein verkauft er mehrere Bilder an hiesige Kunstsammler. Doch gewinnt seine Karriere erst nach der nationalsozialistischen Machtergreifung an Bedeutung. Offenbar zu Aufwertung seiner Person ergänzt er seinen Geburtsnamen Roderich Jerusalem um den Zusatz „von Safft“, was vermutlich auch damit zusammenhängt, dass der Name „Jerusalem“ 1933 zu Spekulationen über eine jüdische Herkunft führt.

1934 erhält er gemeinsam mit Eugen Gresser den Auftrag zur Neugestaltung der Kentauren am Friedrichsplatz. Im selben Jahr widmet ihm die Kunsthalle Mannheim eine Ausstellung mit Gemälden, Zeichnungen und Fotografien bildhauerischer Arbeiten. Zudem erwirbt die Stadt sein Gemälde „Blut und Boden. Der Erhalter des Volkes“, das trotz seiner nationalsozialistischen Prägung bis 1955 im Trausaal des Standesamts in F 1 hängt (heute im Depot der Kunsthalle).

Um 1940 ist Roderich Jerusalem von Safft Mitbegründer der „Werkgemeinschaft Bildender Künstler Mannheim“ und wird zu ihrem stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Sein bildhauerisches Werk umfasst neben dem nicht mehr erhaltenen Kolonialdenkmal vor allem Gefallenendenkmäler in Städten des Breisgaus und des Markgräflerlandes. Ein geplantes Kriegerdenkmal in Seckenheim wird infolge des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs nicht mehr ausgeführt.

Zur Arbeit

Deutschland ist bis 1918 Kolonialmacht und verliert im Zuge des Ersten Weltkriegs seine kolonialen Besitzungen. In der Folge verbreiten rechtsgerichtete und nationalistische Kreise revanchistisches Gedankengut, das auf eine Rückgewinnung der ehemaligen Kolonien abzielt und den Verlust als nationale Demütigung interpretiert.
Das in diesem Kontext realisierte Denkmal geht auf die Initiative der „Kameradschaft deutscher Kolonialtruppen Mannheim“ zurück und wird über Spenden aus Industrie, Handel und Gewerbe finanziert. Roderich Jerusalem von Safft entwirft zunächst einen Soldaten der deutschen Kolonialarmee, der auf einem Felsvorsprung inszeniert werden soll. Der dafür vorgesehene Felsen wird eigens aus Afrika nach Mannheim gebracht. Im Zuge der weiteren Planung wird dieses Konzept allerdings aufgegeben. Stattdessen entsteht die Tierplastik, die auf einen kubischen Sockel gehoben ist. Dargestellt ist eine Antilope, die von einem Pfeil getroffen wird und sich im Moment der Verletzung in einer kraftvollen dynamischen Bewegung aufbäumt. Der zurückgeworfene Kopf mit den übergroßen, geschwungenen Hörner steigert die dramatische Wirkung des Motivs.
Nach ersten Überlegungen, das Denkmal auf den Goetheplatz zu stellen, wird der Philosophenplatz (damals Horst-Wessel-Platz genannt) als Standort gewählt. Die Grundsteinlegung und Einweihung begleiten militärische Inszenierungen. Dem Fundament wird eine Schatulle beigegeben, indem sich unter anderem ein Stein aus Afrika und afrikanische Erde befinden.

Die Antilope fungiert als Chiffre für Afrika und symbolisiert den Verlust der deutschen Kolonien. Die Inschrift auf dem Sockel „Dennoch deutsche Kolonien“ formuliert den kolonialrevanchistischen Anspruch auf eine Wiedergewinnung. In einem weiteren Spruch auf der Sockelrückseite wird an die Soldaten erinnert, die bei kriegerischen Auseinandersetzungen in den Kolonien ums Leben kamen: „Den Gefallenen zur Ehrung – den Lebenden zur Mahnung – der Zukunft zur Erfüllung“. An den Seitenwänden versinnbildlichen ein Segelschiff und Möwen nach damaliger Lesart die Überfahrt und den Luftweg nach Afrika.
Insgesamt dient das Denkmal der ideologischen Verklärung kolonialer Vergangenheit und der propagandistischen Forderung nach ihrer Wiedergewinnung. Das Denkmal wird nach dem Ende der NS-Zeit 1945 entfernt; sein weiteres Schicksal ist nicht bekannt. (AS)