• Künstler:in Richard Scheibe
  • Titel Die Morgenröte
  • Jahr 1937
  • Kategorie Nicht mehr am Standort
  • Material Bronze
  • Objektmaße (ohne Sockel) 127 x 95 x 43
  • Standort alt / Jahr an der Westseite der KH ab 1939–53

Richard Scheibe (1879-1964)

Richard Scheibe, der seine Laufbahn zunächst als Maler beginnt, widmet sich unter dem Einfluss Georg Kolbes ab 1906 der Bildhauerei. 1907 bezieht er in Berlin ein eigenes Atelier, wo er bis 1912 zusammen mit Gerhard Marcks arbeitet. Seinen ersten großen Auftrag erhält er 1923 von den IG Farben in Höchst, ein Ehrenmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Beschäftigten des Unternehmens.
Nach seiner Ernennung zum Professor für Bildhauerei an der Städelschule in Frankfurt, die er von 1925 bis 1933 leitet, widmete er sich fast ausschließlich dem Thema Aktfigur. Anfang der 1930er-Jahre gestaltete Scheibe erneut zwei Kriegerdenkmäler. Ungeachtet seines Erfolgs wird sein 1926 entstandenes Denkmal für den 1925 verstorbenen Reichspräsidenten Friedrich Ebert in Frankfurt im Auftrag der Nationalsozialisten 1933 entfernt. Im gleichen Jahr wird er von seinen Ämtern an der Frankfurter Kunstschule suspendiert, ein Jahr später allerdings wieder eingesetzt.
Wie Georg Kolbe ist Scheibe einer der wenigen Bildhauer, die nach 1933 ihre Arbeit fortsetzen konnten.
Seine schlanken muskulösen Figuren sind gekennzeichnet von klaren, realistischen Formen und kraftvollem Körperbau, sie strahlen Kraft und Würde aus und entsprachen so dem nationalsozialistischen Menschenbild. Ab 1934 lehrt Scheibe an der Hochschule für bildende Künste in Berlin. Trotz seiner Weigerung in die NSDAP einzutreten, wird Scheibe 1936 in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen. Von neuem erhält er einen Auftrag der IG Farben mit dem Titel „Die befreite Saar“. Anlass ist die damals gefeierte Wiedereingliederung des Saarlandes nach der Volksabstimmung am 13. Januar 1935.
Scheibe ist mit elf Werken fast durchgehend von 1937 bis 1944 auf der Großen Deutschen Kunstausstellung vertreten, der Leistungsschau deutscher Kunst in der Nazi-Zeit. Seine Arbeiten finden prominente Käufer: Adolf Hitler erwirbt 1938 seine Skulptur „Denker“, Joseph Goebbels 1943 die Statue „Flora“. 1944 nimmt ihn Joseph Goebbels in die sogenannte Gottbegnadeten-Liste auf. Damit gehört er zu den Künstlern, die das Regime als besonders bedeutend einstuft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bleibt Scheibe trotz dieser Vergangenheit weiterhin ein gefragter Künstler. Er erhält den Auftrag für ein Ehrenmal der Opfer des 20. Juli 1944, das 1953 in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin enthüllt wird. 1954 wird er mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland geehrt. An seinem 80. Geburtstag ernennt man ihm zum Ehrensenator der Berliner Akademie der Künste (West). Heute ist man bemüht, Scheibes Rolle in der nationalsozialistischen Ära zu beleuchten und zu thematisieren.

Zur Arbeit

Die 1937 entstandene Figur „Morgenröte“ zeigt eine weibliche nackte Gestalt, die mit dem rechten Bein noch knieend, im Begriff ist sich zu erheben. Während der linke Arm auf dem Bein ruht, hat sie den rechten Arm erhoben, um die Aufrichtung zu unterstützen. Trotz dieses Bewegungsmotivs wirkt die Gestalt statisch, verharrend. Die Formensprache entspricht Scheibes Ideal der realistischen, in der Oberflächenbehandlung glatten Körperdarstellung. Der auch politisch zu verstehende Titel verweist auf die Idee eines Neuanfangs, des Aufbruchs, kündigt die personifizierte Morgenröte doch den neuen Tag an.

Im Frühsommer 1939 ist die Arbeit im Kunstverein Frankfurt in der Ausstellung „Deutsche Bildhauer der Gegenwart“ zu sehen. Von dort kauft der damalige Direktor der Kunsthalle Mannheim, Walter Passarge, die Arbeit für 6.600 Reichsmark an und stellt sie in die „neugeordnete“ Plastiksammlung im Untergeschoss auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird sie 1954 im Außenbereich der Kunsthalle aufgestellt, als dort ein Skulpturengarten entsteht. Für den Neubau wird sie entfernt und befindet sich heute im Depot (IH/SK)